Eine persönliche Reise zu mir selbst. Ein Rückblick auf eine Pilgerreise, die mehr war als nur Kilometer gehen.
Der Jakobsweg im September dieses Jahres von Vila do Conde nach Santiago de Compostela war für mich kein sportliches Ziel. Was ich auf dem Jakobsweg erfahren durfte, war vielmehr eine Einladung, mir selbst zu begegnen. Schritt für Schritt. Mit jedem Atemzug. Und mit jedem inneren Widerstand, der sich zeigte und gesehen werden wollte.
Erkenntnisse über mich auf dem Jakobsweg
Auf meiner Pilgerreise habe ich Muster erkannt, die mich schon lange begleiten. Verletzte Anteile wurden spürbar – leise, aber beharrlich. Ich habe ihnen zugehört. Und ich habe ihnen einen sicheren, geborgenen Platz in meinem Herzen geschenkt. Persönliche Entwicklung bedeutet für mich, hinzuschauen. Nicht wegzulaufen, sondern da zu bleiben, wo es ehrlich wird.
Begegnungen, die verbinden
Ich durfte Menschen aus aller Welt treffen – von den USA über Brasilien bis Südafrika. Wir kamen aus unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Geschichten. Und doch verband uns etwas Größeres: der Glaube – und vielleicht noch mehr das Menschsein. Über alle Grenzen hinweg wurde spürbar, dass wir ähnliche Wünsche, Sehnsüchte und Erwartungen in uns tragen.
Besonders berührt hat mich ein Moment gegenseitiger Hilfe: An einem Tag durfte ich selbst besondere Unterstützung erfahren, als ich mich verlaufen hatte. An einem anderen Tag konnte ich einer unbekannten Pilgerin aus der Patsche helfen. Die Herberge war ausgebucht, und sie durfte bei mir im Zimmer übernachten. So einfach. So menschlich. So selbstverständlich auf diesem Weg.
Herausforderungen, die stärken
Es gab diesen einen besonders harten Tag: 22 Kilometer. Brennende Fußsohlen. Glühende Hitze. Und trotzdem: Auch das habe ich geschafft. Mein Mantra wurde zu meinem Anker: „Einfach gehen.“ Nicht diskutieren. Nicht zweifeln. Einen Schritt nach dem anderen.
Reduktion auf das Wesentliche – Leben auf dem Jakobsweg
Meine täglichen Gedanken kreisten fast ausschließlich um wenige, elementare Fragen:
- Wo finde ich etwas zu essen?
- Wie schaffe ich den Weg?
- Und wo schlafe ich heute Nacht?
Ich war unterwegs mit einem 7-kg-Rucksack. Und das Erstaunliche: Ich habe alles gebraucht und nichts vermisst. Wahnsinn, wie wenig es braucht. Wie klar das Leben wird, wenn Überflüssiges wegfällt.
Zum ersten Mal habe ich auch in gemischten Schlafräumen geschlafen oder es zumindest versucht. Nähe, Geräusche, Schnarchen. Auch das gehörte dazu.
Was der Jakobsweg mir bestätigt hat
In mir steckt mehr Stärke, als ich je für möglich gehalten hätte. Ich bin über Grenzen hinausgegangen, von denen ich lange geglaubt habe, dass sie unüberwindbar sind.
Ankommen und doch weitergehen
Am 20. September um 11:00 Uhr stand ich vor der Kathedrale von Santiago de Compostela. Es regnete. Ich war nass, müde und erfüllt von einem stillen, tiefen Glück. Den ganzen Tag konnte ich nicht aufhören zu weinen. Nicht, weil etwas „fertig“ war, sondern weil so vieles in mir angekommen ist.
Ich blicke zurück mit tiefer Dankbarkeit: auf Begegnungen, die mich berührt haben. Auf Stunden der Einsamkeit, in denen ich nur mit meinen Gedanken, meinen Füßen und meinem Willen unterwegs war. Auf Tage, an denen ich über mich hinausgewachsen bin. Und auf Momente, in denen ich Hilfe annehmen durfte und selbst Hilfe geben konnte.
Ich danke meinen Schutzengeln. Mehr als einmal hätte ich im Regen beinahe böse gestürzt. Doch ich fühlte mich begleitet – in einsamen Wäldern, in der Dunkelheit der Nacht, auf Straßen und in Schlafsälen.


